Die Misstrauensspirale gegen den Staat zu Zeiten von Corona

Die Misstrauensspirale gegen den Staat zu Zeiten von Corona
Photo by Shubham Dhage / Unsplash

Ich wurde zum ersten Mal relativ früh geimpft, da ich aufgrund meiner Arbeitsstelle im Gesundheitswesen in der Prioritätsstufe "1" eingestuft wurde. Ich habe eingesehen, dass es für mich und mein Umfeld das Sicherste ist, sich gegen diese tödliche Krankheit impfen zu lassen. Ich möchte nicht für den Tod eines Menschen verantwortlich sein. Ich möchte nicht mit den Folgen von "long-covid" leben müssen. Pflichtbewusst habe ich mich also voller Überzeugung nach den ersten Erkenntnissen aus Israel und einem Gespräch mit meinem Vater, der Arzt und "Vollblut-Naturwissenschaftler" ist, ohne Zweifel impfen lassen. Generell vertraue ich auf die Wissenschaft und unseren technischen Fortschritt. Ich kann mich noch an das Hin und Her bezüglich des Impfstoffes "Astra Zeneca" erinnern. Erst nur für junge Leute empfohlen, dann nur für alte Leute, dann wieder für junge Leute und dann ein Aussetzen dieses Impfstoffes. Die ersten Zweifel in der Gesellschaft nahmen berechtigterweise zu. Für mich aber gehören solche Entwicklungen zu unserem Fortschritt dazu. Wir müssen studieren und uns gegebenenfalls korrigieren. Ohne Fehler und deren Korrektur würden wir uns nicht entwickeln. Die zweite Impfung habe ich selbstverständlich auch ohne zu murren mitgenommen. Die gab es ja im Menü und der Nutzen der zweiten Impfung ist hinlänglich bekannt und bewiesen. Den Booster habe ich mir ebenfalls impfen lassen. Die bedeutend milderen Verläufe der Covid-19-Erkrankung bei geboosterten sprechen für sich.

So viel zum Status quo.

Generell möchte ich hier aber auch keinen Beitrag über die Wirksamkeit der Impfungen verfassen, sondern über die Misere, durch die der Staat gerade sein Vertrauen in der Bevölkerung verliert. Protagonisten sind unsere Politiker.

Zum Anfang der Pandemie wurden harte Maßnahmen ergriffen und Deutschland, so wie der Rest der Welt, ging in den Lockdown. Wenn man hier abwägt, hatte man keine Alternative. Es war nichts über das neuartige Virus bekannt und es gab noch lange keinen Impfstoff. Kontakte zu reduzieren und auf Hygienemaßnahmen zu achten, mauserten sich als einzig hilfreiches Mittel und haben uns - trotz vieler bedauerlicher Verluste, die nicht ausgeblieben sind - vor Schlimmeren bewahrt. Langsam kamen die ersten Impfstoffentwicklungen, von denen man sich viel versprach. Zu viel? Nein. Jedoch ist hier fraglich, ob die Politik es nicht übertrieben hat und mit Aussagen, wie "Die Impfungen sind der einzige Weg aus dieser Pandemie" etwas über das Ziel hinausgeschossen ist. Viele Menschen haben sich impfen lassen. Zum Stand der Publikation dieses Artikels sind in Deutschland 71.6% der Menschen vollständig geimpft.

Natürlich brauchte es diese Hyperbel, ausgehend von der Politik, um die Impfung schmackhaft zu machen. Mit diesem rhetorischen Stilmittel gelang es ja auch, diese Anzahl der Impfungen zu generieren. Aber damit hat der Staat nicht alle Menschen erreicht und noch mehr verloren. Denn Stand heute ist es Fakt, dass trotz zahlreicher Impfungen ein Weg aus der Pandemie noch nicht in Sicht ist und langsam wächst auch das ungute Gefühl, dass die Kontrolle der Krankheit selbst bei einer Impfquote von 99% nicht gegeben ist.

Die Maßnahmen der Politik sind nicht mehr nachvollziehbar. Wie sollen die Politiker jemandem glaubhaft erklären, dass es einen Nutzen der Impfung gibt, während sie gleichzeitig Konzepte erarbeiten, bei denen z.B. die Gastronomie in einem Zug nur bis zu einer Landesgrenze besetzt wird und nach ihrem Übertreten, im gleichen Zug, mit den gleichen Gästen, geschlossen werden muss. Wie wollen die Politiker erklären, dass "Fridays-For-Future"-Demonstrationen genehmigt werden, Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen aber mit aller Kraft verhindert werden sollen. Da fehlt es mir auch persönlich an Verständnis und das ist nicht meine Vorstellung von einer Demokratie, in der alle Gruppen im Rahmen des Grundgesetzes ihre Meinung äußern dürfen.

Während die Politiker in ihrem Elfenbeinturm sitzen und neue, nicht nachvollziehbare Maßnahmen aus dem Hut zaubern, bei denen mal "2g" reicht, mal "2g+" und das Virus zum Teil ab 22:00 Uhr besonders gefährlich wird, sind es unsere Polizisten die es ausbaden müssen. Weil sie an vorderster Front stehen und die Maßnahmen der Politik durchsetzen müssen, werden sie für die Bevölkerung zum Sündenbock. Ein fataler Fehler. Als Exekutive ist es ihre Pflicht, das geltende Recht durchzusetzen. Sie leisten damit einen unentbehrlichen Dienst für unseren Staat zur Wahrung der Ordnung. Momentan erlebe ich einen erschreckenden Schwank von Leuten, die zuvor sehr pro-Polizei waren, hin zu contra-Polizei. In den Diskussionen wird aber deutlich, dass es sich nicht um eine Ablehnung gegenüber der Polizei oder des gesamten Systems handelt, sondern eine Ablehnung gegenüber den diffusen und uneinheitlichen Maßnahmen. Wenn sich diese Ansichten radikalisieren und extremer werden und die Exekutive weiterhin als Sündenbock herhalten muss, werden unsere Probleme ungeahnten Ausmaßes.

Die Politik steht am Scheideweg. Sie muss sich schnell und in aller Deutlichkeit positionieren, ob sie eine generelle Impfpflicht durchsetzen möchte und damit die Maßnahmen und Einschränkungen aufhebt oder ob sie jeden Bürger selbst entscheiden lassen möchte, sich nicht impfen zu lassen. Sollten sich einige nicht impfen lassen wollen, muss klar sein, dass sie alle gesundheitlichen Konsequenzen tragen und gegebenenfalls bei einem nahenden Kollaps des Gesundheitswesens einem Triage-System unterliegen. Dennoch ist es damit jedem Einzelnen frei überlassen, sich zu entscheiden.

Der anhaltende Schwelbrand in der Gesellschaft und die Spaltung jener durch Geimpfte, Ungeimpfte und mittlerweile auch Geboosterten muss aufhören.